9. Februar 2014

"Wenn du keinen Spaß mehr hast, ist dein Leben vorbei"

Open-Stage-Host Stephen Hannah im 'Give Me A Stage'-Interview
Schauspieler und Open-Stage-Host Stephen Hannah. © Stephen Hannah
Schauspieler und Open-Stage-Host Stephen Hannah. © Stephen Hannah
Stephen Hannah hat als Kind den Nordirlandkonflikt in Belfast miterlebt und dort die Erfahrung gemacht, dass sich die Menschen mit Musik über schwere Zeiten helfen. In Berlin startete er eine Open-Stage, in Erinnerung an einen toten Freund: „The Craic Den Open Mic“. „Craic Den“ bedeutet soviel wie: der Freude einen Ort geben. Genau das macht Stephen Hannah jeden Montagabend. Er lädt Musiker und Comedians auf seine Open-Stage im King Kong Club ein.

Dieses Interview habe ich mit Stephen Hannah per E-Mail geführt. Leider - muss ich dazu sagen - denn was er mir geschrieben hat, hat mich so sehr berührt, dass ich wünschte, ich hätte diese Worte direkt aus seinem Mund gehört...

Stephen, es war ein wunderschöner Moment, als ich dich zum ersten Mal beim „Craic Den Open Mic“ sah: Du hattest so eine riesige Freude an der Musik ausgestrahlt, als wärst du über jeden einzelnen Künstler, der auf deine Bühne kommt, unglaublich glücklich. Was bedeutet es dir, jungen Musikern eine Bühne zu geben?

Stephen: Um diese Frage zu beantworten, muss ich die Geschichte von Charlie erzählen, einem Freund von mir aus Belfast. Er liebte Musik und war ein toller Sänger und Gitarrist und hat mir die ersten Akkorde beigebracht. Aber Charlie konnte sein Talent nicht ausleben. Er war gefangen in einer Welt, die er nicht geschaffen hatte und aus der er nicht entkommen konnte.
Ich zog irgendwann nach Berlin und sah dort, wie einfach es für Musiker ist, auf eine Bühne zu gehen. Auf Open-Stages machen die einfach ihr Ding. Auch ich lernte mehr Gitarre und spielte auf diesen Bühnen. Nach einem Jahr war ich zu Besuch in Belfast. Ich traf Charlie und erzählte ihm, was da Großartiges in Berlin passiert. Wie toll die Atmosphäre auf den Open-Stages ist, dass einen dort niemand bewertet, sondern dass sie alle einfach nur Musik lieben und spielen. Ich sagte: „Charlie, hier ist meine Adresse, komm nach Berlin und wir machen eine Tour durch diese Bars. Du kannst dort spielen.“ Ich hatte den Eindruck, dass er von der Idee begeistert war. Aber zwei Wochen später beschloss Charlie, dass er nicht mehr leben will. Ich war total fertig. Man weiß nie, was in den Menschen vorgeht.
Meine Open-Stage, „The Craic Den“, ist ein Ort, der an jemanden erinnert, der aufgegeben hat. Auf dieser Bühne sehe ich aber jede Woche Menschen, die versuchen, das auszuleben, was sie lieben. „The Craic Den“ bedeutet Spaß haben. Wenn du keinen Spaß mehr hast, ist dein Leben vorbei. Du musst deine Träume am Leben halten. Wenn nicht für dich, dann für die Leute im Publikum. Denn die sitzen genau so da und haben ihre Träume.

Weißt du, ob Charlie krank war?

Stephen: Nein, Charlie war nicht krank. In den 60ern in Belfast aufzuwachsen, das ist für niemanden einfach, wegen dem Krieg. Aber für Charlie war es noch schwerer. Er wurde in Deutschland geboren. Sein Vater war Amerikaner und starb im Vietnam-Krieg. Seine Mutter war Irin und zog nach dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Söhnen zurück nach Belfast. Eine alleinstehende, katholische Mutter mit zwei Jungen hatte es in diesen brutalen Zeiten einfach schwer. Sie lebten in einer sehr armen Gegend. Charlie musste sich immer gegen irgendetwas verteidigen. Er war wahrscheinlich einfach nur müde.

Wie alt warst du, als der Konflikt in Nordirland ausbrach?

Stephen: 1968 war ich acht Jahre alt. Bei den Krawallen wurde unser Haus durch ein Feuer zerstört.

   Zum Nordirlandkonflikt
  • Die Iren haben lange um ihre Unabhängigkeit von Großbritannien gekämpft. Anfang des 20. Jahrhunderts führte die Irische Republikanische Armee (IRA) einen Unabhängigkeitskrieg, mit dem Ergebnis, dass 1922 der Irische Freistaat gegründet wurde. Doch ein paar Regionen im Norden Irlands blieben – bis heute - britisch. Dort brach der Konflikt Ende der 60er Jahre wieder aus und forderte im Jahr 1972 besonders viele Todesopfer. Bekannt ist hier der „Bloody Sunday“ am 30. Januar 1972. An diesem Tag erschossen britische Soldaten 13 Menschen. Ein Zentrum des Konfliktes war und ist die Stadt Belfast.
  • Die Friedensgespräche brachten in den 90ern zwar viele positive Ergebnisse - die IRA hatte 2005 den Kampf für beendet erklärt - doch Splittergruppen der IRA und pro-britische Gruppen gehen weiter gegeneinander vor. Todesopfer gab es unter anderem bei Anschlägen in den Jahren 2009 und 2011. Im Januar 2013 kam es erneut zu Ausschreitungen in Belfast, ausgelöst durch den Beschluss des Stadtrates, dass die britische Flagge nur noch an bestimmten Feiertagen gehisst werden darf.

Kannst du dich noch erinnern, wann und wo du das erste Mal von Open-Stages gehört hast und eine besucht hast?

Stephen: Das ist einfach. Das war während des Krieges in Belfast und ich war neun oder zehn Jahre alt. Die Leute haben damals versucht, so normal wie möglich zu leben. An einem warmen Abend im August parkten ein paar Typen mit ihrem Lastwagen am Ende der Straße. Sie sprangen heraus mit Geigen, Gitarren, Banjos und Drums. Ich weiß noch, sie hatten große Bärte im Gesicht und sie fingen einfach an zu spielen, singen und tanzen. Die Leute aus der Straße machten Drinks. Ich fand das so toll, musste aber irgendwann ins Bett. Doch selbst von meinem Bett aus hörte ich die zauberhaften Stimmen und Balladen. Es ging bis in den frühen Morgen.

Wann und wie hast du dann deine eigene Open-Stage gestartet?

Stephen: Das war hier in Berlin. Es gab da einen Iren, Mark Jennings. Er hatte bei Facebook geschrieben, dass er Hilfe in seiner Bar in Kreuzberg braucht. Er wollte mehr Publikum in der Bar. Obwohl ich ihn nicht kannte, traf ich mich mit ihm. Zusammen beschlossen wir, eine Open Mic Show zu starten, mit dem Namen „The Craic Den“. Sechs Monate lang haben wir das in der „Zone“ in der Reuterstraße gemacht.

Warum habt ihr dann nicht weiter gemacht?

Stephen: Wir hatten in der ersten Bar nicht so viel Unterstützung. Es waren ein paar kleinere Dinge nicht in Ordnung. Es ging auch um die Frage, wie ich mir eine Open-Stage Show vorstelle. Mit diesen Ideen stand ich allein da. Ich sah das als Zeichen und zog einfach weiter. Im King Kong Club ist es anders. Ich werde richtig gut unterstützt von den Leuten in dieser Bar. Sie machen gut Werbung für die Show, bereiten die Bühne vor und helfen beim Sound.

Stephen Hannah auf der Bühne im King Kong Club. © Stephen Hannah
Stephen Hannah auf der Bühne im King Kong Club. © Stephen Hannah
Was ist denn dein Konzept bei der „Craic Den“ Open-Stage?

Stephen: Ich kann nicht genau sagen, was das Konzept ist, aber ich weiß, was ich will. Wenn ein Comedian oder ein Musiker auf der Bühne steht, schaue ich in ein glückliches Publikum. Sie lachen über die Witze oder sind gebannt von dem Lied. Das gibt mir ein gutes Gefühl, denn ich habe diesen Ort gemacht und die Leute im Publikum dazu gebracht, einfach mal alles zu vergessen und glücklich zu sein. „Craic“ bedeutet Spaß.

Was war dein persönlicher bester Open-Stage-Moment?

Stephen: Da fällt mir das hier ein: Ich sehe mich ja eigentlich nicht als Musiker an, aber über die Jahre habe ich in Berlin Gitarre spielen und Singen gelernt. Ich hatte viel Zeit, mich mit Musik zu beschäftigen und plötzlich kommt da der Sänger in dir zu Tage!
Nach sechs Jahren in Berlin war ich mal wieder in Belfast und ging in Kelly Cellars Bar. In dieser Bar bin ich quasi aufgewachsen und habe viele tolle Musiker erlebt. An dem Abend bekam ich die Möglichkeit, in der Bar zu singen - also vor meinen eigenen Leuten! Ich habe einen Song von Van Morrison gesungen, den ich ganz besonders liebe: „Saint Dominic's Preview“. Van kommt auch aus Belfast und ist in die USA ausgewandert. Den Song hatte er geschrieben, als in Belfast Krieg war. Darin gibt es viele Anspielungen auf Belfast und wie zerrissen diese Stadt ist. Van hatte sich in den USA lange Zeit von dem Konflikt fern gehalten. Er wollte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Doch dann sah er, dass in einer Kirche - der Saint Dominic's Kathedrale - eine Mahnwache für Frieden in Irland abgehalten werden sollte. Das brachte ihn dazu, sich doch wieder mit seiner Heimat zu befassen und den Song zu schreiben. Genau diesen Song habe ich vor meinen Leuten in Belfast gesungen und sie liebten es! Das war ein toller Moment.

 

Warum bist du denn eigentlich aus Belfast weggegangen und nach Berlin gezogen?

Stephen: Diese Frage kann ich vielleicht irgendwann beantworten. Ich arbeite in Berlin als Schauspieler. Ich schreibe gerne und arbeite mit ein paar Leuten an einem Film in Belfast. Die Stadt ist immer in meinem Kopf und ich möchte das, was ich hier lerne, irgendwann mit nach Hause nehmen.

Letzte Frage: Was glaubst du, wie wichtig sind Open-Stages für junge Musiker?

Stephen: Ich denke, die Bühnen helfen den Musikern, ihre Auftritte zu verbessern. Einen Weg zu finden, wie sie ihre Songs spielen können. Das ist nämlich ganz anders, als wenn du einen Song zu Hause spielst. Du übst ihn tagelang allein – aber dann geht auf der Bühne vielleicht etwas schief! Aber genau das wirst du nie herausfinden, wenn du nicht auf eine Bühne gehst. Du probierst ein paar Bühnen aus und dann: „Bingo!“ - hast du deinen Sound gefunden. Du spielst deinen Song, bist ganz darin versunken und dann wachst du auf und hörst die Leute, wie sie dir applaudieren.

Vielen Dank, Stephen, für dieses Interview

Hier geht's weiter zu:
Stephen Hannahs Website
Stephen Hannah bei Facebook
"The Craic Den Open Mic" bei Facebook

Ergänzung (18. April 2014): Das "Craig Den Open Mic" im King Kong Club gibt es nicht mehr, weil der King Kong Club dicht gemacht hat. Wenn Stephen irgendwo eine neue Bühne startet, erfährt ihr es natürlich hier!

Update (Oktober 2015): Das Craic Den Open Mic findet jetzt in wechselnden Locations statt. Die Termine und Orte findest du hier:
"The Craic Den Open Mic" bei Facebook

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen