17. Dezember 2013

Open-Stages sind ein Geschenk für Künstler

Kiane Wennemann im 'Give Me A Stage'-Interview

Kiane Wennemann. Foto: Juliane Fritz

"Hör auf zu singen!" kann ein vernichtender Satz sein - besonders für einen Menschen, der eigentlich extrem gerne singt. Zu Kiane Wennemann hat das mal jemand gesagt. Jahre später bekam sie aber bei einer Open-Stage das überwältigende Kompliment: "Deine Stimme ist nicht von dieser Welt". Tatsächlich schafft sie es, mit ihrer klaren, weichen Stimme, die Menschen zu verzaubern... so hab ich es jedenfalls beim Craig Den Open Mic im King Kong Club erlebt und sie gefragt, ob wir uns auf ein Interview treffen könnten.

 alt : Noomiz
Kiane mit "Where the way splits"

Kiane, du hast eine ganz besondere Ausstrahlung auf der Bühne. Quasi das Gegenteil von "Rampensau". Du wirkst etwas schüchtern - auf eine sehr sympathische Art zurückhaltend.  Nimmst du das auch so wahr? Als etwas, das gut ist?

Kiane: Ich glaube, ich habe den gleichen Eindruck wie du. Ich finde jedoch nicht, dass ich zu schüchtern bin. Ich will, dass alles auf der Bühne natürlich rüberkommt. Alles andere würde man merken. Aber ich arbeite an meinen Auftritten. Bei meinem ersten Konzert auf einer Open-Stage war ich sehr aufgeregt. Das hat mich daran gehindert zu zeigen, was ich kann. Inzwischen kann ich mir ganz gut sagen, dass ich jetzt besser nicht aufgeregt bin.

Das funktioniert?

Kiane: Das Gefühl hab ich schon. Was mir besonders hilft, ist, wenn ich mit Freunden bei der Open-Stage bin. Dann ist es so, als wäre man einfach zusammen in der Bar und irgendwann kommt einer und sagt: "Du bist jetzt dran". Dann holt man seine Gitarre raus und kommt gar nicht dazu, sich großartig Gedanken darüber zumachen.

Was hat dich denn zu deinem ersten Open-Stage Auftritt bewegt?

Kiane: Ich hatte gerade Lucy Rose entdeckt. Eine Künstlerin aus England. Ich hatte gelesen, dass sie am Anfang nach London gegangen ist und dort ganz viele Open-Stages gespielt hat. Da dachte ich, ich nehme diese Bühnen auch wahr. Open-Stages sind echt ein Geschenk für Künstler. Du bekommst einfach für umsonst eine Bühne. Du hast ein Publikum. Du kannst zeigen, was du kannst und die Reaktionen spüren. Einmal hat mir jemand gesagt: "Deine Stimme kommt nicht von dieser Welt. Sie kommt von irgendwo anders." Das macht wirklich Spaß. Ich weiß noch, nach meinen ersten Auftritten habe ich gedacht: "Das kann ich jetzt jeden Abend machen!"

Was machst du denn eigentlich - außer jeden Abend Open-Stages spielen?

Kiane: Ich studiere Sozial- und Kulturanthropologie und Theaterwissenschaften. Aber ich habe eher das Gefühl, die Uni hält mich davon ab, Musik zu machen. Musik hat den größten Stellenwert in meinem Leben. Ich musste mich aber erst einmal selbst davon überzeugen, dass ich gut bin. Ich habe mich lange nicht bereit dazu gefühlt, vor Anderen Musik zu machen.

Wie hat sich das denn geändert? Gab es einen bestimmten Knackpunkt in deinem Leben?

Kiane: Ich war mir anfänglich nicht sicher, ob sich meine Stimme gut anhört und hatte immer Probleme damit, vor anderen Leuten zu singen. Ich weiß auch nicht, was da schief gelaufen ist!

Hast du vielleicht mal eine schlechte Erfahrung gemacht?

Kiane: Kann sein. Ich weiß noch, dass ich mit einer Freundin gesungen habe und die hat gesagt: "Hör doch mal auf, das ist viel zu hoch." Das hat mir einen sehr starken Stich gegeben. Sie kann sich bestimmt nicht mehr daran erinnern. Inzwischen hat sie auch gesagt, dass sie meine Stimme schön findet. Es ist mir total wichtig, dass mir andere sagen, dass ich gut bin, weil ich kann es nicht von mir selbst sagen. Aber selbst wenn mir jemand sagt, dass er meine Stimme mag, hält das gute Gefühl nicht für immer an.

Gab es denn irgendjemanden, der dich Anfangs zum Musikmachen ermutigt hat? In deiner Familie zum Beispiel?

Kiane: Meine Mama singt auch und spielt Gitarre. Aber das hat sie immer allein in ihrem Zimmer gemacht. Ich war damals so schüchtern, dass ich mich nicht getraut habe, mich zu ihr zu setzen und zuzuhören. Ich dachte: Das will sie bestimmt lieber allein machen. Weil ich das ja auch von mir selbst dachte.

Echt? Du konntest deiner Mutter nicht direkt zuhören?

Kiane (lacht): Ich habe das eigentlich noch nicht so richtig reflektiert. Aber sie hat halt Gitarre gespielt und gesungen. Außerdem hat Avril Lavigne ja auch mit ihrer eigenen Gitarre auf der Bühne gespielt. Sie hat mich beeinflusst. Von ihr habe ich am Anfang viele Lieder nachgesungen. Dann war für mich klar, dass ich auch alles selber machen will. Den Gesang und die Musik schreiben. Das hat für mich die größte Glaubwürdigkeit. Ich musste also lernen, selbst etwas Neues entstehen zu lassen.

Wie hast du das gelernt?

Kiane: Ich habe keine besondere musikalische Ausbildung. Am Anfang habe ich geguckt, wie die Lieder von z.B. Avril Lavigne aufgebaut sind. Dann habe ich einfach versucht etwas zu spielen, das sich gut zusammen anhört. 2010 war ich in einem Band-Projekt. Das war im Rahmen der Kulturhauptstadt Essen. Dort konnte man sich bewerben und vorspielen. Zusammen mit professionellen Musikern haben wir Songs geschrieben. Wir wurden in Genres unterteilt. Es gab eine Jazzband, eine Folkband... ich wurde in die Folkband gesteckt.

Fandest du das gut, in der Folkband zu sein?

Kiane: Na zu dem Zeitpunkt konnte ich damit noch gar nichts anfangen. Ich war 16 und wusste überhaupt nicht, was Folk ist. Ich dachte: "Hallo? Diese alten Leute? Aus den 80ern?" Vielleicht liegt es daran, dass meine Mutter mir gesagt hat: "Soundso hat Folkmusik gemacht" - und dann dachte ich eben, das war jemand aus ihrer Zeit...

Du hast also eigentlich negativ über Folkmusik gedacht? Das ist komisch, denn ich hatte bei deinem Auftritt das Gefühl: Deine Musik klingt nach Folk und auch deine Art aufzutreten, hat diese Attitüde. Hat dich dein Bandprojekt 2010 vielleicht sehr beeinflusst?

Kiane: Ich glaube, wenn du als Ausgangspunkt eine Akustikgitarre und deine Stimme hast, geht es immer ein bisschen in die Richtung. Hätte ich am Anfang jemanden gehabt, der mich gefragt hätte: "Spielst du mit in meiner Rockband", wäre es vielleicht anders. Ich weiß ja auch nicht, wie meine Musik mit einem Schlagzeug und einer E-Gitarre klingen würde. Würde es dann noch Folk sein?

Du hast also selbst keinen Begriff für das, was du machst?

Kiane: Nein. Den Leuten ist es immer superwichtig, das zu definieren. Sie sehen: Diese Band mag ich, die macht Indie. Also schauen sie in den Musikzeitschriften nach, was noch alles Indie ist. Für mich selbst ist der Name nicht wichtig. Das überlasse ich dem Publikum und mache dann vielleicht noch ein, zwei Zusätze zu dem Namen...

Und es wäre ja heutzutage auch kein Drama, wenn man es Folk nennt, es gibt viele erfolgreiche Folkbands.

Kiane: Ja das stimmt. Vielleicht trifft Folk auch am ehesten zu.

Dann lass uns mal über einen deiner Songs sprechen. Welchen findest du im Moment am besten und möchtest ihn in diesem Blog vorstellen?

Kiane: Das ist der Song "We will run". Ein träumerischer Song, der daraus entstand, dass ich in diesem Großstadtleben und Uni-Alltag feststeckte. Deswegen habe ich an Orte gedacht, an denen man mehr auf sich selbst bezogen ist. Eine Insel oder ein Berg. Ich spreche in dem Song zu jemandem, aber es ist keine konkrete Person. Einfach jemand, mit dem ich für einen Tag ausbreche.



Zu guter Letzt: Was willst du noch machen mit dir und deiner Musik? Irgendwelche Pläne?

Kiane: Ich würde gern ein Album mit meinen Songs aufnehmen und ich will eigene Konzerte spielen, wo nur Leute kommen, die mich sehen wollen. Ich glaube, dass meine Musik eine Zukunft hat.

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