31. Juli 2012

Geschichten werden zu Liedern

Marthe Kunstmann im 'Give Me A Stage'-Interview


Marthe Kunstmann. Foto: Juliane Fritz
Ich machte mich auf den Weg, um Marthe Kunstmann zu interviewen, eine Musikerin, die ich auf einer Open-Stage in Friedrichshain entdeckt hatte. Zu meiner Überraschung sitze ich dann in der Küche einer Roman-Debütantin. Marthe bringt mit "Wetterwechsel" im August ihr erstes Buch raus. Interviews hat sie bisher noch keine gegeben – und muss bei so viel Interesse an ihrer Persönlichkeit einfach lachen.

Marthe, eigentlich wollte ich ja über deine Musik reden – jetzt bin ich aber eher neugierig auf dein Buch – worum geht’s da?

Marthe: Um ein paar Jugendliche, die nach ihrem Abitur nicht wissen, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Sie haben untereinander Probleme. Es kommt zu einem Autounfall, bei dem einer stirbt. Alle fühlen sich auf ihre Weise schuldig und müssen sich damit auseinandersetzen.

Ein harter Stoff – deine Musik ist auch sehr düster. Warum ist das so?

Marthe: Ich denke, ich bin kein düsterer Mensch. Was ich mache ist so ein bisschen wie ein Reinigungsprozess der Gedanken. Wenn man traurige Lieder schreibt, heißt es nicht, dass man nur zuhause sitzt und weint. Ich gehe mit Trauer anders um. Ich denke, das ist ein gesunder Prozess.

Du verarbeitest die schlechten Gedanken gleich doppelt – in der Musik und in Büchern. Gibt es da Überschneidungen? Jetzt wo ich weiß, dass du Bücher schreibst fällt mir wieder ein, dass deine Songstrukturen Geschichten ähneln. Sie haben weniger das normale Strophe-Refrain-Schema, sondern einen erzählerischen Spannungsbogen.

Marthe: Ja, ich möchte, dass meine Lieder eine narrative Struktur haben. Manchmal benutze ich auch eine Geschichte, die ich geschrieben habe für einen Song. In „This Flame“ ist das so.

Marthe Kunstmann spielt "This Flame" by Juliane Fritz

Wovon handelt die Geschichte in den Song?

Marthe: Sie spielt in einer ländlichen Gegend, in einer unbestimmten Zeit und in einer unbestimmten Gesellschaft. Da gibt es sehr starre Machtstrukturen. Zwei Freundinnen arbeiten auf einem Bauernhof und der Bauer ist der Chef, der seine Angestellten unterdrückt. Eines der Mädchen wird von ihm so sehr drangsaliert, dass sie sich umbringt. Daraufhin entwickelt sich im Kopf des anderen Mädchens die Idee, dass sie eine Flamme von ihrer Freundin bekommen hat und diese Flamme muss sie nähren. Am Ende zündet sie das ganze Bauernhaus an.

Was für ein Drama! Wie kommst du darauf das zu schreiben?

Marthe: Es war irgendeine kurze Eingebung. Mich hat die Beziehung dieser beiden Mädchen interessiert, deshalb habe ich die Geschichte geschrieben.

Kannst du dich noch an deinen ersten Song erinnern?

Marthe: Ja, meine eigene Musik mache ich ja noch nicht so lange. Ich spiele schon eine ganze Weile klassische Gitarre – da war ich aber immer nicht frei etwas eigenes zu machen. Irgendwann hat mir mein Gitarrenlehrer gezeigt, wie man einen Blues macht und plötzlich war eine Blockade weg. Dann konnte ich eigene Sachen schreiben.

Und dann hast du einen Blues geschrieben?

Marthe: Ja, so einen lustigen, schlechten Standard-Blues.

Worüber?

Marthe: Über den Hund meiner Mitbewohnerin. Mir fiel einfach kein besserer Text ein.

Wie viele von deinen Texten handeln eigentlich von dir selbst?

Marthe: Ich schreibe meistens überhaupt nicht über mich selbst. Obwohl, irgendwie handeln die Texte schon von mir, denn das spannende am Schreiben ist ja, dass du etwas Fremdes produzierst und gleichzeitig ist es dein Eigenes, weil du es erschaffen hast.

Hast du jemals gedacht, dass du mit dem, was du da erschaffst Erfolg hast und sogar einen Roman veröffentlichst?

Marthe: Ich hätte ja nicht mal gedacht, dass ich je einen schreibe! Ich habe immer kurze Geschichten geschrieben. Als ich den Roman dann hatte, da fand ich die Idee nicht so abwegig – wahrscheinlich weil ich Leute kenne, die das auch geschafft haben. Aber klar, zwischendurch denkt man schon, dass das eh nichts wird.

Und dann schreibt man so einsam in seinem Kämmerchen vor sich hin und weiß nicht genau für wen...

Marthe: Ja. Das ist ganz anders als Musikmachen. Du bist einsam und du weißt nicht, ob das jemals jemand lesen wird. Mit deiner Musik kannst du rausgehen, es jemandem vorspielen und hast eine ganz direkte Wirkung vor dir. Wobei ich das manchmal beängstigend finde, diese direkte Reaktion.

Warum? Wie reagieren die Leute denn?

Marthe: Eigentlich meistens positiv. Aber man geht ja auch nicht zu irgendeinem Musiker hin, den man scheiße findet und sagt ihm: Los, geh mal nach Hause! Meistens wundert es mich, dass meine Musik positiv aufgenommen wird. Während ich spiele denke ich oft, das kommt bei den Leuten ganz schlecht an. Aber die erleben etwas ganz anderes und sagen mir zum Schluss, dass es schön war.

Was mich bei dir besonders beeindruckt ist: Du bist Musikerin, Autorin und Mutter. Was machst du noch alles, wovon ich nichts weiß?

Marthe: Ich studiere. Zuerst habe ich Nordamerikastudien und Literaturwissenschaften studiert, jetzt Deutsch und Englisch auf Lehramt.

Oh Mann! Wie kriegst du das alles hin? Jobbst du nebenbei?

Marthe: Im Moment nicht – ich habe letztes Jahr gejobbt und jetzt bekomme ich Geld für den Roman.

Also rettet dich der Roman im Moment über die Zeit?

Marthe: Erstmal ja. Aber es ist schon schwierig zur Zeit, das alles auf die Reihe zu kriegen. Studieren mit einem Kind, eine Musiker- und eine Schriftstellerkarriere, das alles geht nicht zusammen.

Denkst du oft: Dieser Traum von der Schriftstellerei und dem Musikerleben, das ist alles nur Traumtänzerei?

Marthe: Ja! Aber es war nie so, dass ich dachte, ich müsste damit aufhören. Als Musiker und Schriftsteller zweifelt man ständig an dem was man macht. Ich hatte aber auch nie diese Illusion, dass ich der tolle Künstler bin und die Leute mein Genie schon irgendwann erkennen werden. Außerdem habe ich nebenbei immer noch etwas anderes gemacht.

So wie dein Lehramt-Studium, da geht es doch bestimmt darum, mal einen richtigen Beruf zu haben?

Marthe: Ja, das mache ich vor allem wegen meinem Sohn.

Wie planst du denn im Moment dein Leben? Zuerst die Kunst-Schiene probieren und dann Lehrer werden?

Marthe: Es ist schwierig zu planen. Ich muss jetzt noch 2 Jahre studieren und versuche nebenbei soviele Texte wie möglich zu schreiben. Dann muss ich weiterschauen.

Ich wünsche dir alles gute und viele Leser für deinen ersten Roman.


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