Chiara Gandolfi im 'Give Me A Stage'-Interview
„Manchmal möchte ich
mich einfach nur hinsetzen und die Lieder anhören, die ich noch
nicht geschrieben habe.“ Nachdem sie eine Weile in Berlin gelebt
hat, bringt Chiara diese Worte zu Blatt. Ihre Zeit in Berlin hatte
sie sich ganz anders vorgestellt. Die Italienerin ist in die deutsche
Hauptstadt gekommen, um mit und von ihrer Musik zu leben. Es stellte
sich heraus, dass das nicht so einfach ist.
Chiara, der
Künstlername mit dem du bei Open-Stages auftrittst lautet „Chiara
in Berlin“. Wer ist Chiara, was macht sie in Berlin und wo war sie
vorher?
Chiara: Ich komme aus Italien, habe dort den Großteil meines Lebens verbracht und nebenbei immer Musik gemacht. Das heißt, neben dem Studium oder meinem Job. Ich habe Humanistik und Kunst studiert und in einem Kindertheater gearbeitet. Ich wollte immer mehr mit Musik arbeiten, aber ich mochte die Musikszene in meiner Heimat nicht. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Norditalien, aus Bergamo. Ich habe dort keine Möglichkeit gefunden, meine eigene Musik zu spielen. Drei oder viermal im Jahr hatte ich Auftritte mit meiner Band „Sottovoce Duo". Das ist nicht so viel. Wenn du den Veranstaltern nicht erzählen kannst, dass du Publikum anziehst und dass sie mit dir Profit machen, dann lassen sie dich nicht spielen. Wenn du noch nicht so bekannt bist, dann ist das hart. Also habe ich gedacht, ich muss irgendwo anders hingehen und versuchen, von meiner Musik zu leben. Deshalb bin ich nach Berlin gezogen.
Warum hast du Berlin
gewählt?
Chiara: Berlin war
gar nicht mein erster Gedanke. Ich habe zum Beispiel auch an London
gedacht. Aber diese Stadt erlaubt dir nicht, dir Zeit zu nehmen. Du
musst sofort aktiv werden und dir einen Job suchen, wenn du überleben
willst. Ich wollte einen Ort, an dem ich erst einmal entscheiden
kann, wo es für mich hingeht. Berlin ist bekannt dafür, eine
günstige und kulturell aktive Stadt zu sein. Deshalb kommen sehr
viele Künstler nach Berlin. Und deshalb habe auch ich mein Erspartes
genommen und bin nach Berlin gekommen.
Und? Ist es in Berlin
so, wie man sagt? Kannst du hier so leben, wie du willst?
Chiara: Ja, es ist
wahr. Berlin ist sehr günstig und eine Kultur-Stadt. Die ersten
Monate habe ich dafür gebraucht, diese riesige Stadt kennenzulernen.
Als ich damit fertig war, habe ich überlegt, wie ich es schaffe,
Musikerin zu werden. Leider habe ich gemerkt, dass es nicht so
klappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich schaffe es nicht, so
richtig planvoll an die Sache heranzugehen. Das heißt, ich konnte
mir keinen Arbeitstag vornehmen, mit 2 Stunden üben, 2 Stunden Songs
schreiben und 2 Stunden Zeit, um Auftrittsorte zu finden. Das hat
nicht geklappt und war sehr stressig. Ich habe gemerkt, dass ich
einen Job brauche und Deutsch lernen muss. Ich habe mich auch nicht
genügend um Auftritte gekümmert,
weil ich mich noch nicht dazu bereit fühle, allein zu spielen. Ich
habe in Italien immer mit anderen Musikern zusammen gespielt. Ich bin
wohl etwas schüchtern und schaffe es nicht allein. Ich denke auch,
dass ich auf der Gitarre noch nicht soweit bin.
Hast du jetzt immer
noch die Motivation, mit der Musik weiterzumachen?
Chiara: Ja! Es gibt
ja auch genug Leute, die mir sagen, dass sie meine Musik lieben und
dass ich versuchen soll, davon zu leben. Aber ich kann es nicht
allein. Es ist ziemlich harte Arbeit. Im Moment denke ich nicht mehr
daran, dass Musik zu meinem Job wird, aber ich werde das in Zukunft
bestimmt noch einmal überdenken.
Lass uns über deine
Songs reden. Es gibt da ein Lied, das heißt „What do I do in
Berlin“. Dort erzählst du, wie der Titel es sagt, was du in Berlin
machst. Ich stelle mir vor, dass das Lied wie eine Postkarte an deine
Leute in Italien ist. Weil du nicht die Zeit hast, allen einzeln zu
schreiben, schreibst du einfach einen Song, lädst ihn bei Soundcloud
hoch und jetzt können alle hören, wie es dir geht. Ist der Song so
gedacht?
Chiara: Nein, es
geht mehr um meine Situation als ich neu in Berlin war. Das war vor
anderthalb Jahren. Ich habe damals oft Menschen getroffen, die mich
gefragt haben, was ich in Berlin mache. Ob ich studiere oder arbeite.
Zu Beginn habe ich einfach nur versucht, diese Stadt zu erfassen.
Also konnte ich antworten: Ich lebe! Ich genieße die Stadt! Ich habe
sehr lange gebraucht um eine Wohnung zu finden, weil ich zu
Semesterbeginn im Oktober herkam. Als ich dann endlich ein Zimmer
hatte und einfach mal sitzen konnte, hatte ich auch die Ruhe Gitarre
zu spielen und etwas aufzunehmen. Das war dieser Song. Ich habe ihn
einen Tag später bei der Open-Stage im Madame Claude gespielt. Dort
fand ich es ganz toll, den Menschen anzusehen, dass sie sich selbst
in dem Song wiederfinden. Wie gesagt, es gibt so viele Künstler, die
nach Berlin kommen und deshalb die Situation kennen, die der Song
beschreibt: Wie es ist, in dieser Stadt anzukommen, ewig zu brauchen
um ein Zimmer zu finden, ständig mit Gepäck hin und her zu laufen.
Ich wollte davon ein Bild malen. Diese Geschichte in einem Song
erzählen.
Das ist dir dann ja
offenbar gut gelungen! Ich muss sagen, dass ich mich eher in einem
anderen Song von dir gesehen habe. In „All around is noise“
erinnern mich einige Zeilen daran, was ich gefühlt habe, als ich neu
in Hamburg war. Es gibt die Zeile „Sometimes the city is like a
monster“. Das habe ich auch einmal in einem Song über Hamburg
geschrieben. Außerdem mag ich die Zeile „I wish that I could sit a
while and listen to the songs I haven't written yet“. Was bedeutet
der Song für dich?
Chiara: In dem Lied
geht es auch um Berlin. Es geht um meine derzeitige Beziehung zu der
Stadt. Es gibt so viel zu tun. Diese Stadt ist wie ein Monster, das
deine Zeit frisst. Du merkst gar nicht, wie die Wochen und Monate
vergehen und weißt nicht, was du gemacht hast. Ich habe angefangen
in einem Hostel zu arbeiten und gehe dreimal in der Woche zum
Deutschunterricht. Ich habe gar keine Zeit, um mich hinzusetzen und
meine Lieder zu spielen. Mir fehlt auch die Zeit, um meine neuen
Ideen umzusetzen. Das meine ich mit „All around is noise“. Es
geht um den akustischen Lärm der Stadt und gleichzeitig um den Lärm
der Gedanken in meinem Kopf. Deshalb habe ich diesen Wunsch:
„I wish that I could sit a while and listen to the songs I haven't
written yet“.
Zumindest am Sonntag
Abend hast du jetzt öfter Mal Zeit, dich mit Musik zu beschäftigen.
Du spielst nicht nur bei der Open-Stage im Madame Claude, du
moderierst die Bühne auch. Wie ist es dazu gekommen?
Chiara:
Das war ganz zufällig. Irgendwann war ich – welch Überraschung –
mal wieder auf der Suche nach einer Wohnung. Und Heiko, der Moderator
im Madame Claude, hatte ein freies Zimmer. Ich habe mir also das
Zimmer angesehen und wir haben uns unterhalten. Er meinte, dass er
mal einen freien Sonntag braucht. Er hat jemanden gesucht, der für
ihn am Sonntag moderiert, am liebsten eine Frau. So einfach war das.
Er fragte: Hättest du Lust dazu? Und ich sagte: Ja, warum nicht?
Und, wie findest du den
Job?
Chiara:
Naja, es ist ja nichts Großes. Ich begrüße die Musiker, ich stelle
das Mikrofon ein. Die meiste Zeit sitze ich da und höre mir die
Leute an. Und das ist ja genau das, was ich mag. In meiner Heimat
gibt es so viele Menschen, die schreiben. Aber du hörst nie, was die
schreiben, weil sie keine Bühne bekommen. Das ist in Berlin anders.
Das hat mich an dieser Stadt so angezogen. Deshalb bin ich hier.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen